Die Orgel im Havelberger Dom St. Marien stammt aus dem Jahr 1777. Ihr Erbauer, Gottlieb Scholtze (1713-1783), war Schüler des Berliner Orgelbauers Joachim Wagner. „Dessen bedeutsame Rolle als Begründer einer eigenständigen märkischen Orgelbautradition ist inzwischen hinreichend bekannt […]. Er hat zunächst in Magdeburg die norddeutsche Orgelbaukunst bei den Schnitger-Schülern Christoph Treutmann und Matthias Hartmann kennengelernt, bevor er zu Lehr- und Wanderjahren aufbrach, die ihn – einer Überlieferung zufolge – bis Österreich-Ungarn geführt haben. Abschluss dieser Lebensphase war ein zweijähriger Aufenthalt bei Gottfried Silbermann in Freiberg. Dort erhielt er maßgebliche Anregungen für sein selbständiges Schaffen, welches geprägt war von der Entwicklung eines sehr durchdachten Orgeltypus sowie vom Einsatz zahlreicher Erfindungen.

[…] Gottlieb Scholtze […] war es dank hervorragender Fähigkeiten möglich, Wagners Orgelbaukunst bis ins Detail hinein zu übernehmen und damit selber Instrumente zu schaffen, die denjenigen Wagners in Qualität und Bedeutung ebenbürtig sind. Somit setzte Gottlieb Scholtze die von Wagner begründete eigenständige brandenburgische Orgeltradition auf hohem Niveau fort.“ (D. Kollmannsperger/Chr. Lehmann, Orgel der Stadtkirche Havelberg)

Scholtze disponierte die Havelberger Domorgel mit 29 Registern, verteilt auf zwei Manuale und Pedal. Er übernahm bei seinem Neubau Pfeifenmaterial des Vorgängerinstrumentes. Bereits 1796 kam es zu dem ersten dispositionsverändernden Umbau durch den Berliner Orgelbauer Ernst Julius Marx, der ebenfalls Schüler von Joachim Wagner war. Auf ihn gehen die Klaviaturerweiterungen in den Manualen zurück. Außerdem ergänzte er die Disposition um fünf Register. In den Jahren 1860 und 1890/91 kam es zu gravierenden Veränderungen an der Domorgel, als Orgelbaumeister Friedrich Hermann Lütkemüller das Instrument im romantischen Sinne umgestaltete. Er nahm zahlreiche Dispositionsveränderungen vor und baute die Balganlage neu.

Während des 1. Weltkriegs mussten alle Prospektpfeifen abgegeben werden, diese wurden später durch neue Zinnpfeifen ersetzt. In den Jahren 1938, 1951 und 1965 versuchte man mit Mitteln der Zeit, das Instrument vorsichtig einem barocken Klangideal wieder anzunähern. Allerdings wartet die Domorgel bis jetzt auf eine dringend notwendige Restaurierung, die heutigen Maßstäben gerecht wird. Die gegenwärtige Disposition besteht aus 34 Registern und besitzt damit 5 Register mehr als die ursprüngliche Disposition von Scholtze.

Domkantor Matthias Bensch

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aus der CD:
Johann Sebastian Bach (1685-1750) – Orgelwerke
Matthias Bensch an der Scholtze-Orgel von 1777
Dom St. Marien zu Havelberg

Die CD kann über den Orgelverein Havelberg bezogen werden. Damit unterstützen Sie die Restaurierung der Scholtze-Orgel in der Kirche St. Laurentius in Havelberg.


Toccata und Fuge d-Moll BWV 565


Triosonate C-Dur BWV 529 1. Satz Allegro


Triosonate C-Dur BWV 529 3. Satz Allegro